Steinzeitfrau

Mein altes LG, das mir fast fünf Jahre lang treu zu Diensten war, segnet das Zeitliche. Die Tasten brechen raus. Zudem ist das Ding mittlerweile so unstylish, dass ich es in der Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr aus der Tasche hole. Na gut, wenn ich unterwegs bin, hole mein Handy ohnehin so gut wie nie aus der Tasche. Wenn ich unterwegs bin, bin ich nämlich nicht erreichbar und währenddessen übernimmt der Anrufbeantworter meinen Job. Der ist sowieso viel geduldiger als ich.  Ich persönlich vertrete ja die Ansicht, dass sich die Welt weiterdrehen wird, wenn ich mal zwei Stunden nicht erreichbar bin und dass der Menschheit auch nichts entgeht, wenn ich nicht alle fünf Minuten wichtige Statusmeldungen wie “esse gerade Mettbrötchen und geh dann aufs Klo” von mir gebe. Sollte die Welt nun gerade doch in diesem Moment untergehen – man weiß ja nie, wie’s mal kommt wenn’s ganz blöde läuft -  dann möchte ich meine letzten Minuten gewiss nicht damit verbringen, dass ich mich online über den drohenden Weltuntergang informiere.

Zugegeben, diesen Luxus der Unerreichbarkeit kann ich mir natürlich nur leisten, weil ich für das Weltgeschehen total unwichtig bin. Außerdem bin ich kein Mann und muss somit nicht am obligatorischen Handy-Schwanzvergleich teilnehmen, bei dem ich unlängst wieder Mäuschen spielen durfte. “Meins sagt schon Papa und zählt bis 100″, protzt der Alphawolf. “Na und, dafür kann meins schon alleine aufs Töpfchen gehen und schläft nachts durch”, pariert der Gartenzwerg daneben und befingert liebevoll sein kleines Schmuckstück, während seine Frau drei Meter weiter unbeachtet von ihm auf der Bank sitzt und der gemeinsamen Tochter ein Brötchen in die Hand drückt. Nu jut, mag ich in technischen Dingen auch von hinterm Mond sein, so bin ich halt irgendwie schon ein bisschen eitel. Es könnte ja sein, dass ich mein Handy in der Öffentlichkeit doch mal aus der Tasche ziehe – und dann muss es eben halbwegs  stylish aussehen und nicht wie Rudis Resterampe entsprungen.

Nun braucht die Steinzeitfrau, die so selten handyfoniert, dass sie wieder auf’n Prepaid umsteigt und die alle Termine handschriftlich mit dem Kalender und der Zettel-Tesa-Küchenschrank-Methode managt [natürlich sind da leichte Verluste zu verzeichnen - vor allem dann, wenn ich versehentlich Fake-Tesa verwende. Allerdings muss man mich nicht mit Baldrian ruhigstellen, nur weil meinem Akku gerade der Saft ausgeht...] ein Basic-Handy der einfachsten Sorte. Nur simsen und telefonieren. Mehr macht Frau Steinzeit nicht mit dem Ding und schon isser da, der legendäre Apollo 13-Punkt. Oder um es mit Gene Kranz (Ed Harris) zu sagen: “Tja, dann schlage ich vor, Gentlemen, dass wir lernen, ein eckiges Schwein durch ein rundes Loch zu schieben.” Joa… dementsprechend motiviert bin ich, als mich der MamS in den Med*a Markt reinschleift. Für mich der Vorort zur Hölle, weil’s da keine Schuhe und nur langweilige Bücher gibt. Drecksladen. Jeder Baumarkt ist mir lieber, da kann ich wenigstens Holz und Farbe schnuppern und Heimwerker gucken.

“Hier, schau mal das an”, begeistert sich der MamS und drückt mir irgendein Sams*ng-Ding in die Hand. “Hm. Ja…”, murmele ich unbestimmt, während er mir euphorisch die Vorzüge des Teilchens aufzählt. Unter uns: Den wertvollen Atem könnte er sich für wichtige Dinge sparen. Ich höre ihm nämlich überhaupt gar nicht zu. Der MamS registriert, dass meine Aufmerksamkeit nicht ihm sondern den gegenüberstehenden Yoga-DVDs gilt und drückt mir ein N*kia in die Hand. “Hier, das ist doch gut”, insistiert er, während ich mir denke, dass er die Perlen, die er da runterbetet, ebenso gut vor die Säue werfen könnte. Aber nen Mann, der enthusiastische Reden schwingt, soll frau niemals unterbrechen, denn das könnte eine chronische Redeunlust nach sich ziehen und das wäre schon blöd, weil wir den Med*a Markt ja irgendwann – hoffentlich recht schnell – auch wieder verlassen werden und ich nicht zeitlebens Selbstgespräche führen möchte. Der MamS redet weiter. Ich höre weiterhin überhaupt nicht zu und schaue so rum. Doch halt! Was ist das?! Das ist doch…  “HA! DAS will ich haben”, falle ich ihm plötzlich sehr undamenhaft – und im Hinblick auf die drohende Redeunlust extrem unklug- mitten in seinen werbelastigen Wortschwall. Schnurstracks marschiere ich an ihm vorbei…

… und steuere den Pappaufsteller hinter ihm an. Da steht sie, die DVD, die ich mir schon so lange zulegen wollte! “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Hach. Während ich selig grinsend gen Kasse strebe, steht der MamS mit seinem Superhandy da und schaut dem Anlass entsprechend blöd aus der Wäsche. Ob er sich verarscht fühlt? Ich an seiner Stelle würde das tun. Aber mal ehrlich… was soll ich mit nem Handy, wenn ich doch gleich den Prinzen haben kann…  :mrgreen:

~ von Anna - 7. November 2011.

19 Antworten to “Steinzeitfrau”

  1. Drei Nüsse für Aschenbrödel…???

    Das kommt doch ab nächster Woche jeden Tag zweimal im Fernsehen!

    Also neee..

    Ich nehm das Samsung-Ding;-)

    • Ts. Nicht einfach nur Nüsse. Haselnüsse. Im Gegensatz zu den Handydetails achte ich hier schon auf die Feinheiten. :razz:

      Stimmt. Das wird ja demächst dauerwiederholt. Mist. Vergessen. :oops:

      • Ich musste mir das als Kind jedes Jahr an Weihnachten 20 mal anschauen und dann auch noch Sissi…
        Da bin ich mittlerweile echt allergisch gegen, obwohl das eigentlich wirklich ein tolles Märchen ist…
        Sissi ist übrigens eigentlich auch herzzerreißend, aber eben nur eigentlich,-)

        Also gut, dann eben Haselnuüsse, aber ich hab das Samsug-Teil ja schn, da kann ich bei sowas nachlässig sein;-)

        • Dann hätte ich mich an deiner Stelle in so einer Situation auch klar für das S*msung entschieden. Ich schaue mir meine Lieblingsfilme ja auch wieder und wieder an… aber irgendwann isses auch genug. :)

          Sissi… hach ja… vielleicht hole ich mir irgendwann mal die DVDs. Vielleicht aber auch nicht. Eigentlich mag ich sie ja, die Sissi. Aber eben nur eigentlich. :razz:

  2. Also den Film kenne ich nicht… und brauch ich wohl auch nicht zu kennen… :mrgreen:
    Und das Samsung lass ich auch liegen… Nimm nen HTC… oder wenn es halt unbedingt einfach sein soll ein NOKIA!
    Und wenn das alles zu viel ist, gibt es da doch noch diese Renter Handys mit riesen Display und noch größeren Tasten… ;-)
    *renntweg*

    • Falsch. Den Film muss jeder kennen. :mrgreen: Das ist nämlich der ulitimative Märchenfilm und vor allem ist das Aschenbrödel nicht so eine dämliche Heulsuse. Pfft. Aber wat erzähle ich Ihnen… Sie hören doch eh nicht zu, oder? :razz:

      Oh, die Rentner-Handys habe ich gesehen. Nu ja… sind ja irgendwie auch nicht zu übersehen. Also, für so ein Teil bin ich dann doch zu eitel, außerdem sind meine Augen auch noch zu gut und mit der Motorik klappt’s auch noch, von daher dürfen die Tasten ein bisschen kleiner sein. :mrgreen:

  3. Ich bin eine pragmatische Romantikerin und würde auch das Samsung-Ding nehmen, damit kann frau doch auch youtube-Videos sehen. ;-)

  4. Liebe Anna.

    Wir haben kurz beratschlagt und mein Mann und ich sind zu folgendem Entschluss gekommen:
    Wir wollen definitiv ein Kind von dir! Ach….wir nehmen auch zwei. Auf einem kann man ja nicht stehen. Wir haben es ausprobiert ;-)

    • Liebe Alex,

      ein Kind von mir? Warum in aller Welt wollt ihr euch das antun?! :shock:
      Praktischerweise habe ich da was vorbereitet. Nein, keine Eizellenspende, sondern einen Blogeintrag, der so gut wie fertig ist. :mrgreen:

  5. (uah! da ist man ne halbe woche nicht da und du schüttelst dir einen Eintrag nach dem nächsten ausm Ärmel :D Weiter so! Ich les das dann morgen mal nach, da hab ich frei b-) )

    • Ich schüttele gar nicht. Das fließt einfach so aus mir raus und ich kann nix dagegen machen. :) Dummerweise fließt es nur in dem Bereich, in dem ich kein Geld für das Geschreibsel kriege. Ich arbeite daran, dass mal in vernünftige Bahnen zu lenken. :roll:

      P.S: Danke für die Mail und die Adresse! Ist notiert. ;)

      • (Psst: Ich hab übrigens mit dem Propheten einen Mann an meiner Seite, der sich drei Haselnüsse für Aschenbrödel freiwillig (!!!) mit mir ansieht. Komm doch vorbei, du hast meine Adresse ja jetzt ;) )

  6. Liebe anna bin gerade zufällig über deinen blog gestolpert, ganz altmodisch am ollen riesenpc zuhause. ich teile deine “begeisterung” für diverse handygeschichten und die drei haselnüsse sind ja wohl der einzige grund das es frauen wie wir schaffen, auch nur einen fuss in den technikalptraumraum zu setzen. werde hier nun öfters lesen danke und alles liebe martina

    • Wie schön, dass ich mit meiner “Technikbegeisterung” nicht alleine bin und dass es jemanden gibt, der meine Begeisterung für den Film teilt. ;)

  7. LG – das musste ich erstmal googeln!
    Was bin ich dann, eine Neandertalerin?
    Im Übrigen habe ich meine Handys (in 11Jahren 3, und das 3. auch nur, weil der LAG es kaputt gemacht hat) immer nach “hübschem Aussehen” bzw. schöner Farbe gekauft.
    Das mache ich bei meinen Autos genauso. :-)

    • Nach der Navi-Geschichte dachte ich mir schon, dass wir da ähnlich gestrickt sind. :razz: Und wenn ich ein Auto hätte… dann würde ich das auch nach der Optik kaufen. Wonach denn sonst?! :cool:

  8. [...] sein supidupigeiles Smartphone, wenn er es in so nem Fall nicht nutzt? Holt er das Teil nur zum Schwanzvergleich aus der Tasche? Ob er weiß, dass er mit seinem Multitaskingschätzchen auch ganz altmodisch [...]

  9. [...] würde ich mir dafür glatt ein eiPhone anschaffen. Ja, das würde ich tun. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?! Wenn ich die ganzen Erdbeer-Schokoriegel weglasse, dann kann ich das in einigen Jahren locker aus [...]

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